Documenta naturae 102

Ammoniten aus den Kössener Schichten und ihre Tintenbeutel-Substanz“

MATHUR, A.: 
Über Ammoniten der Kössener Schichten und den Nachweis der Tintenbeutel-Substanz Melanin bei ihnen

1-61, 7 Abb., 1 Taf.

München 1996
ISBN 3-86544-102-5

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Zusammenfassung:

Bei Profilaufnahmen der Kössener Schichten im Lahnewiesgraben, Farchant bei Garmisch-Partenkirchen wurden zahlreiche Ammoniten der Art Eapsiloceras planarboides (GÜMBEL) gefunden, die zu systematischen und stratigraphischen Untersuchungen anregten. Bei vielen Exemplaren wurden schwarze Flecken entdeckt, die auf die Existenz von Tinte schließen ließen. Untersuchungen bestätigten diese Vermutungen, womit zum erstenmal bei triassischen Phylloceratina Tinte nachgewiesen ist:
1. Die Phylloceratina-Art Eopsiloceras planorboides (GÜMBEL) wird neu beschrieben. Da die Gattung Eopsiloceras einen lituiden Internlobus hat, andererseits aber die Ammonitina nach Arbeiten WIEDMANNs keinen lituiden Internlobus aufweisen dürfen, ist die Form des Internlobus als alleiniges Kriterium für die Taxionomie abzulehnen. Bei der Bewertung der taxionomischen Beziehungen müssen alle Merkmale gleicherweise in Betracht gezogen werden.
2. Trias/Jura-Grenze: Bei der Profilaufnahme wurden keine Anzeichen einer lithostratigraphischen Unterbrechung zwischen Trias- und Juraschichten beobachtet Der Übergang ist kontinuierlich. Die Kössener Schichten im Lahnewiesgraben sind sehr tonhaltig und führen Ichnofossilien. Die Fazies ähnelt sehr der der Allgäuer Fleckenmergel Im Hangenden treten Jurakieselkalke auf Die Grenze zum Jura wurde mit den untersten Kieselknollen gezogen. Sie liegt ca. 5 m über den letzten planorboidesführenden Schichten.
3. Die oberste triassische Zone ist die des Choristoceras marshi die unterste des Jura die des Psiloceras planorbis. Im Lahnewies- wie auch im Kendelbachgraben, in Nord-westdeutschland und England stehen Schichten an, deren Niveau über dem der Marshi und unter dem der Planorbis-Zone liegt. Im Lahnewiesgraben liegt das Hauptlager des Ammoniten E. planorboides über dem letztvorkommenden Choristoceras marshi Anhand der Coccolithen-Biostratigraphie von VAN HINTE (1976) für den Jura können diese Schichten noch zur Trias gerechnet werden.
4. Es wird ein Verfahren vorgestellt, um die chemischen Eigenschaften der bei E. planorboides vermuteten Tinte zu ermitteln. Dazu wurden Methoden der Dünnschicht-Chromatographie, lnfrarot-Spektroskopie, Röntgenfluoreszenz-Analyse und Massenspektrometrie angewandt. Durch dieses Verfahren lassen sich auch Tintenproben untersuchen und identifizieren, bei denen das Ammonitengehäuse fehlt, wie z.B. dies bei Aptychen der Fall ist.
5. Die in den Ammonitengehäusen gefundene Tinte wird nach allgemein üblichen Regeln als Eopsiloceras-Melanin bezeichnet.
6. Die Analyse zeigt, dass die Tinte von E. planorboides einen ähnlichen Aufbau besitzt wie die rezente Sepiatinte. Doch zeigen sich auch deutliche Unterschiede:
a. Unterschiede liegen im Bereich der mit der Tinte verbundenen Metall-Ionen.
b. Aller Wahrscheinlichkeit nach treten in der chemischen Struktur des Polymers Phenole anstelle von Chinonen auf.
c. Das Molekulargewicht des Oxydationsprodukts liegt entsprechend höher als das des Sepiamelanins.
d. Unterschiede liegen auch im IR-Spektrum und in der chromatographischen Analyse.
7. Die in der Tinte identifizierte Aminosäure Sarcosin wird als Teil des Stoffes gedeutet, der bei der Dispersion der Tinte im Wasser wirksam wird.
8. Es konnten keine bei den heutigen Cephalopoden vorkommenden Giftstoffe festgestellt werden. Entweder produzierten die Ammoniten keine Giftstoffe, oder diese Adaption ist eine spätere Erwerbung in der Evolution der Ammoniten.
9. Hier ergeben sich einige Rückschlüsse für die Bewertung des Eopsiloceras-Melanins in der Evolutionsgeschichte. Unter den Mollusken entwickelten nur Ammonoideen und Coleoideen Tintenbeutel mit Melanin als Schutzvorrichtung. Die Tinte, die einige Gastropoden erzeugen, ist chemisch anders aufgebaut und hat daher keine genetische Beziehung zu der der Cephalopoden. Der von EHRENBERG postulierte Tintenbeutel bei einem Michelinoceras wird hier abgelehnt.
10. Melanine kommen bei einer Reihe von Pflanzen und Tieren vor. Nur Cephalopoden benutzen Melanine als aktive Schutzwaffe und entwickelten melaninhaltige Tintenbeutel. Die ältesten melaninhaltigen Coleoideen sind aus der Mitteltrias (Wengener Schichten) bekannt. Die tintenhaltigen Mesoammonoidea der Obertrias dagegen stammen aus dem Rhät. Die Melanine der Ammonoideen zeigen Unterschiede zu denen der Coleoideen. Alle diese Gründe sprechen dafür, dass die Ammoniten unabhängig von den Coleoideen melaninhaltige Tintenbeutel als Adaption entwickelten.
11. Der Erwerb eines Tintenbeutels ermöglichte den Ammoniten einen besseren Schutz. Mit diesem "Adaptive Breakthrough" (Adaptiver Durchbruch) wird die Zäsur der Ammonoidea in der obersten Trias und ihre explosive Neu-Entfaltung schon im unteren Jura verständlicher. Der Jura-Ammonit Eleganticeras und der Kreide-Ammonit Bochianites beweisen, dass dieses Adaptionsmerkmal - der Tintenbeutel - weiter vererbt wurde. Ammoniten, die keine Tinte besaßen, starben in der oberen Trias aus, es sei denn, sie bewohnten andere ökologische Nischen. Der Ausgangspunkt der Jura-Ammonitina ist demzufolge in dem rhätischen Eopsiloceras planorboides zu sehen.
12. Die Tinte gewährte dem Ammoniten Schutz bis ca. 350 m Tiefe. Diese Schutzfunktion ist nur bei nektonischer Lebensweise wirksam. Bei nektobenthonischer Lebensweise kann die Tintenwolke sogar gefährlich für das Tier werden. Die Gesteinsfazies spricht eher für seichteres Wasser als Lebensraum.

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