| Zusammenfassung:
Bei Profilaufnahmen der Kössener Schichten im
Lahnewiesgraben, Farchant bei Garmisch-Partenkirchen wurden zahlreiche
Ammoniten der Art Eapsiloceras planarboides (GÜMBEL) gefunden, die
zu systematischen und stratigraphischen Untersuchungen anregten. Bei
vielen Exemplaren wurden schwarze Flecken entdeckt, die auf die Existenz
von Tinte schließen ließen. Untersuchungen bestätigten diese
Vermutungen, womit zum erstenmal bei triassischen Phylloceratina Tinte
nachgewiesen ist:
1. Die Phylloceratina-Art Eopsiloceras planorboides (GÜMBEL) wird
neu beschrieben. Da die Gattung Eopsiloceras einen lituiden
Internlobus hat, andererseits aber die Ammonitina nach Arbeiten WIEDMANNs
keinen lituiden Internlobus aufweisen dürfen, ist die Form des
Internlobus als alleiniges Kriterium für die Taxionomie abzulehnen. Bei
der Bewertung der taxionomischen Beziehungen müssen alle Merkmale
gleicherweise in Betracht gezogen werden.
2. Trias/Jura-Grenze: Bei der Profilaufnahme wurden keine Anzeichen einer
lithostratigraphischen Unterbrechung zwischen Trias- und Juraschichten
beobachtet Der Übergang ist kontinuierlich. Die Kössener Schichten im
Lahnewiesgraben sind sehr tonhaltig und führen Ichnofossilien. Die Fazies
ähnelt sehr der der Allgäuer Fleckenmergel Im Hangenden treten
Jurakieselkalke auf Die Grenze zum Jura wurde mit den untersten
Kieselknollen gezogen. Sie liegt ca. 5 m über den letzten
planorboidesführenden Schichten.
3. Die oberste triassische Zone ist die des Choristoceras marshi die
unterste des Jura die des Psiloceras planorbis. Im Lahnewies- wie
auch im Kendelbachgraben, in Nord-westdeutschland und England stehen
Schichten an, deren Niveau über dem der Marshi und unter dem der
Planorbis-Zone liegt. Im Lahnewiesgraben liegt das Hauptlager des
Ammoniten E. planorboides über dem letztvorkommenden Choristoceras
marshi Anhand der Coccolithen-Biostratigraphie von VAN HINTE (1976)
für den Jura können diese Schichten noch zur Trias gerechnet werden.
4. Es wird ein Verfahren vorgestellt, um die chemischen Eigenschaften der
bei E. planorboides vermuteten Tinte zu ermitteln. Dazu wurden
Methoden der Dünnschicht-Chromatographie, lnfrarot-Spektroskopie,
Röntgenfluoreszenz-Analyse und Massenspektrometrie angewandt. Durch
dieses Verfahren lassen sich auch Tintenproben untersuchen und
identifizieren, bei denen das Ammonitengehäuse fehlt, wie z.B. dies bei
Aptychen der Fall ist.
5. Die in den Ammonitengehäusen gefundene Tinte wird nach allgemein
üblichen Regeln als Eopsiloceras-Melanin bezeichnet.
6. Die Analyse zeigt, dass die Tinte von E. planorboides einen
ähnlichen Aufbau besitzt wie die rezente Sepiatinte. Doch zeigen sich
auch deutliche Unterschiede:
a. Unterschiede liegen im Bereich der mit der Tinte verbundenen
Metall-Ionen.
b. Aller Wahrscheinlichkeit nach treten in der chemischen Struktur des
Polymers Phenole anstelle von Chinonen auf.
c. Das Molekulargewicht des Oxydationsprodukts liegt entsprechend höher
als das des Sepiamelanins.
d. Unterschiede liegen auch im IR-Spektrum und in der chromatographischen
Analyse.
7. Die in der Tinte identifizierte Aminosäure Sarcosin wird als Teil des
Stoffes gedeutet, der bei der Dispersion der Tinte im Wasser wirksam wird.
8. Es konnten keine bei den heutigen Cephalopoden vorkommenden Giftstoffe
festgestellt werden. Entweder produzierten die Ammoniten keine Giftstoffe,
oder diese Adaption ist eine spätere Erwerbung in der Evolution der
Ammoniten.
9. Hier ergeben sich einige Rückschlüsse für die Bewertung des
Eopsiloceras-Melanins in der Evolutionsgeschichte. Unter den Mollusken
entwickelten nur Ammonoideen und Coleoideen Tintenbeutel mit Melanin als
Schutzvorrichtung. Die Tinte, die einige Gastropoden erzeugen, ist
chemisch anders aufgebaut und hat daher keine genetische Beziehung zu der
der Cephalopoden. Der von EHRENBERG postulierte Tintenbeutel bei einem Michelinoceras
wird hier abgelehnt.
10. Melanine kommen bei einer Reihe von Pflanzen und Tieren vor. Nur
Cephalopoden benutzen Melanine als aktive Schutzwaffe und entwickelten
melaninhaltige Tintenbeutel. Die ältesten melaninhaltigen Coleoideen sind
aus der Mitteltrias (Wengener Schichten) bekannt. Die tintenhaltigen
Mesoammonoidea der Obertrias dagegen stammen aus dem Rhät. Die Melanine
der Ammonoideen zeigen Unterschiede zu denen der Coleoideen. Alle diese
Gründe sprechen dafür, dass die Ammoniten unabhängig von den Coleoideen
melaninhaltige Tintenbeutel als Adaption entwickelten.
11. Der Erwerb eines Tintenbeutels ermöglichte den Ammoniten einen
besseren Schutz. Mit diesem "Adaptive Breakthrough" (Adaptiver
Durchbruch) wird die Zäsur der Ammonoidea in der obersten Trias und ihre
explosive Neu-Entfaltung schon im unteren Jura verständlicher. Der
Jura-Ammonit Eleganticeras und der Kreide-Ammonit Bochianites beweisen,
dass dieses Adaptionsmerkmal - der Tintenbeutel - weiter vererbt wurde.
Ammoniten, die keine Tinte besaßen, starben in der oberen Trias aus, es
sei denn, sie bewohnten andere ökologische Nischen. Der Ausgangspunkt der
Jura-Ammonitina ist demzufolge in dem rhätischen Eopsiloceras
planorboides zu sehen.
12. Die Tinte gewährte dem Ammoniten Schutz bis ca. 350 m Tiefe. Diese
Schutzfunktion ist nur bei nektonischer Lebensweise wirksam. Bei
nektobenthonischer Lebensweise kann die Tintenwolke sogar gefährlich für
das Tier werden. Die Gesteinsfazies spricht eher für seichteres Wasser
als Lebensraum.
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